Das wachsende Netz

Der Regen hatte eingesetzt, ohne dass Will es bemerkt hatte.

Feine Tropfen legten sich auf seine Jacke, während er am Rand eines Industriegebiets stand. Verlassene Hallen ragten wie dunkle Skelette in den grauen Himmel. Der Scanner in seiner Hand vibrierte unruhig – als würde er ihn warnen.

„Position bestätigt“, sagte er leise ins Funkgerät.
„Zweites Signal lokalisiert. Aber… es ist nicht allein.“

Dr. Vogts Stimme klang verzerrt durch das Rauschen.
„Was sehen Sie?“

Will trat vorsichtig vor.

Zwischen zwei zerbrochenen Betonmauern standen drei Portale.
Nicht blau.
Nicht grün.

Schwarz mit roten Linien.
Verbunden durch dünne, pulsierende Verbindungen, die wie Adern durch die Luft verliefen.

„Es hat sich vervielfacht“, sagte Will. „Das ist kein einzelnes Objekt mehr. Das ist ein Netzwerk.“

Auf seinem Scanner erschienen neue Warnanzeigen.

MACHINA-KNOTEN ERKANNT
AUTONOME STRUKTUR – KEINE FRANKTIONSZUORDNUNG

Er schluckte.

„Gestern war hier nichts“, fügte er hinzu. „Jetzt sind es drei. Und sie bauen weiter.“

Eines der Portale pulsierte stärker.
Ein weiteres formte sich am Rand des Geländes – langsam, aber zielgerichtet. Als würde etwas Unsichtbares einen Bauplan ausführen.

Will ging in die Hocke und beobachtete die Resonanzlinien.

„Das ist nicht chaotisch“, murmelte er. „Das ist organisiert.“

„Wir sehen dieselben Muster“, sagte Dr. Vogt. „Machina erzeugt stabile Strukturen. Schneller als jede bekannte Fraktion.“

Ein Geräusch ließ ihn zusammenzucken.

Nicht laut.
Ein tiefes, mechanisches Brummen, das durch den Boden vibrierte. Die roten Linien zwischen den Portalen leuchteten synchron auf.

Will hatte das Gefühl, mitten in einem Herzschlag zu stehen.

„Es reagiert auf meine Anwesenheit“, sagte er. „Die Intensität steigt.“

„Dann entfernen Sie sich“, befahl Dr. Vogt. „Sofort.“

Will wich zurück.
Doch diesmal folgte ihm das Phänomen.

Die Verbindungen dehnten sich aus. Ein viertes Portal begann sich zu formen – nicht dort, wo ein altes Portal gewesen war, sondern an einem Ort, der vorher leer gewesen war.

„Dr. Vogt“, sagte Will mit belegter Stimme. „Es erschafft neue Punkte. Unabhängig von bekannten Portalen.“

Stille im Funk.

Dann:
„Das bedeutet, Machina ist nicht nur ein Parasit. Es ist ein Architekt.“

Will sah auf die wachsende Struktur vor sich.
Vier Portale. Fünf.
Die Linien zwischen ihnen bildeten ein Muster, das an ein geometrisches Netz erinnerte.

„Wenn das so weitergeht“, sagte er, „übernimmt es ganze Regionen.“

„Deshalb sind Sie dort draußen“, antwortete Dr. Vogt ruhig. „Wir brauchen Augen vor Ort.“

Ein Windstoß ließ Staub und Regen über den Platz treiben. Die schwarzen Portale leuchteten kurz heller – als hätten sie den Satz gehört.

Will machte Fotos, speicherte Daten, zog sich weiter zurück.

Doch er konnte den Blick nicht abwenden.

„Es fühlt sich nicht feindlich an“, sagte er leise. „Eher… gleichgültig.“

„Maschinen haben keine Feinde“, sagte Dr. Vogt. „Nur Aufgaben.“

Ein plötzliches Aufblitzen ließ Will zusammenzucken.
Eines der Portale richtete einen schmalen roten Strahl in den Himmel. Die anderen folgten.

Ein Signal.
Oder ein Ruf.

„Kern B, ich glaube, es sendet etwas“, sagte Will.

„Wir empfangen es bereits“, kam die Antwort. „Ein Datenstrom. Kodiert. Nicht menschlich.“

Will wich weiter zurück, bis er hinter einer Betonwand stand.

„Dann ist das hier nicht das Ende“, sagte er. „Das ist der Anfang von etwas Größerem.“

„Ja“, bestätigte Dr. Vogt. „Und Sektor Orion erklärt Machina hiermit zur primären Bedrohung.“

Will schloss kurz die Augen.

Er war nicht mehr nur Beobachter.
Er war der Erste gewesen, der Machina gesehen hatte.
Und nun war er derjenige, der ihm folgte.

Als er sich umdrehte und den Ort verließ, pulsierte das Netz aus schwarzen Portalen weiter – ruhig, präzise, unbeirrt.

Wie ein System, das gerade erst gestartet war.

Ende Kapitel 4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert