Der erste Schlag

Der Himmel war klar, doch die Luft fühlte sich schwer an.

Will Parker stand auf dem Dach eines Parkhauses und blickte auf den Platz darunter. Die Machina-Struktur war über Nacht weitergewachsen. Sechs schwarze Portale bildeten nun ein perfektes Sechseck. Die roten Verbindungen dazwischen pulsierten gleichmäßig, wie der Takt eines fremden Herzens.

„ bestätigt“, sagte Will ins Funkgerät.
„Sie haben Freigabe“, antwortete Dr. Vogt aus Kern B. „Primäre Aufgabe: testen, ob Machina destabilisiert werden kann.“

Will atmete tief durch.

Er hatte schon unzählige Portale neutralisiert.
Aber das hier fühlte sich anders an.

Sein Scanner zeigte Warnsymbole, die er noch nie zuvor gesehen hatte:

AUTONOME VERTEIDIGUNG AKTIV
UNBEKANNTE RESONANZSTRUKTUR

„Ich beginne mit einem einzelnen Knoten“, sagte Will. „Westliche Position.“

Er bewegte sich langsam die Rampe hinunter. Jeder Schritt wurde von einem leisen Summen begleitet, das aus den Portalen kam. Als würde das Netz seine Bewegung registrieren.

Das erste Machina-Portal stand mitten auf einem alten Springbrunnen. Schwarze Oberfläche, rote Linien, die sich spiralförmig bewegten.

Will hob den Scanner.

„Ziel erfasst.“

Er aktivierte seine Waffe.

Ein blauer Impuls schoss hervor und traf das Portal.

Nichts.

Kein Zusammenbruch.
Keine Explosion von Energie.

Stattdessen reagierte das Netz.

Die roten Linien leuchteten auf, alle gleichzeitig. Ein tiefes Dröhnen ging durch den Boden. Die anderen fünf Portale richteten ihre Energie auf das angegriffene Ziel.

„Dr. Vogt“, sagte Will hastig, „es verteilt die Belastung. Wie ein Schutzschild.“

„Bestätigt“, kam die Antwort. „Machina arbeitet als kollektives System. Ein Angriff auf einen Knoten wird kompensiert.“

Will knirschte mit den Zähnen.

„Dann trennen wir das System.“

Er lief einige Meter zur Seite und platzierte einen Störsender – ein Prototyp aus Kern B. Das Gerät vibrierte, als es aktiv wurde, und sandte ein unregelmäßiges Signal in das Netz.

Die roten Linien begannen zu flackern.

„Störung sichtbar“, sagte Will. „Ich greife erneut an.“

Ein zweiter Energiestoß traf das gleiche Portal.

Diesmal riss ein Riss durch die schwarze Oberfläche. Das Portal begann unruhig zu pulsieren. Ein schrilles Geräusch erklang, als würde Metall über Glas gezogen.

Plötzlich formten sich neue Linien aus dem Boden.

Nicht sechs Portale mehr.
Acht.

„Es baut nach!“, rief Will. „Es ersetzt den beschädigten Knoten!“

„Dann erhöhen Sie die Frequenz“, sagte Dr. Vogt. „Überlasten Sie das System.“

Will drehte die Leistung hoch.

Der Störsender heulte auf. Die roten Linien flackerten chaotisch. Zwei der Portale begannen sich aufzulösen – zuerst langsam, dann in einem grellen Blitz aus schwarzer und roter Energie.

Will musste sich abwenden.

Als er wieder hinsah, waren zwei Knoten verschwunden.

Das Netz war gebrochen.

Doch nicht still.

Ein einzelnes verbliebenes Portal pulsierte stärker als alle anderen zuvor. Es schien sich neu zu konfigurieren, als würde es aus dem Fehler lernen.

„Dr. Vogt…“, sagte Will leise. „Es passt sich an.“

„Dann haben wir unsere Antwort“, erwiderte sie. „Machina ist lernfähig.“

Will deaktivierte den Störsender und trat zurück. Sein Herz klopfte heftig.

Er hatte zum ersten Mal etwas zerstört, das nicht menschlich gesteuert wurde.

Und er wusste:
Das war kein Sieg.

Das war ein Testlauf.

„Erste Bekämpfung erfolgreich“, meldete er. „Aber das System entwickelt Gegenstrategien.“

„Verstanden“, sagte Dr. Vogt. „Ab jetzt ist Ihre Mission klar, Will Parker.“

Kurze Pause.

„Sie jagen Machina.“

Will sah auf das letzte pulsierende Portal. Es stand still, als würde es ihn beobachten.

„Dann jage ich nicht nur Portale“, sagte er. „Ich jage eine Intelligenz.“

Er drehte sich um und verließ den Platz, während hinter ihm das rote Licht langsam erlosch.

Doch tief unter der Erde, irgendwo jenseits der bekannten Strukturen, begann Machina neu zu rechnen.

Ende Kapitel 5

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