Zum Inhalt springen
Public access activeClearance 01 // Selected records only
WP-STO-141 // DECLASSIFIED

Das Rauschen von Morina

Horchposten auf dem Cviljen bei Prizren – KI-generierte Illustration zur Will-Parker-Geschichte, keine historische Originalaufnahme.

Kosovo, frühe 2000er-Jahre. Lange bevor Will Parker einen Scanner in der Hand hielt, zeichnete er etwas auf, für das er keinen Namen hatte.

Der erste Ausschlag dauerte kaum drei Sekunden.

Will hätte ihn übersehen, wenn er in diesem Augenblick nach seinem Kaffee gegriffen hätte. Ein schmaler Anstieg auf dem Bildschirm, ein kurzes Knacken im Kopfhörer. Dann war wieder alles so, wie es sein sollte.

Er notierte die Uhrzeit und ließ die Aufzeichnung weiterlaufen.

Im Einsatz lernte man, nicht jede Unregelmäßigkeit für eine Entdeckung zu halten. Ein schlecht entstörter Motor konnte interessanter aussehen als ein Sender. Berge warfen Signale zurück. Geräte alterten. Menschen machten Fehler, besonders am Ende einer langen Schicht.

Will war als Soldat der Fernmeldeaufklärung nach Kosovo gekommen. Morina war der Name, der auf seinen Unterlagen stand. Sein Alltag bestand aus Schichten, technischen Prüfungen und der Suche nach Zusammenhängen in einem Funkverkehr, der selten übersichtlich war. Bei einem Einsatz am Aufklärungsposten auf dem Cviljen bei Prizren kehrte der kurze Ausschlag zurück.

Diesmal hörte ihn auch der Mann neben ihm. Nils Berger hatte mit Will schon genug Schichten verbracht, um zu wissen, wann eine Nachfrage genügte.

„Hast du das?“

Will nickte und setzte eine Markierung.

Sie prüften die Einstellungen. Danach die Verbindungen. Schließlich einen zweiten Empfangsweg. Es gab keine offensichtliche Ursache. Ein paar Minuten später erschien eine ähnliche Folge in einem anderen Frequenzbereich.

Ähnlich genug, um aufzufallen. Zu kurz, um viel daraus zu machen.

In der Übergabe vermerkten sie eine mögliche Störung.


In den folgenden Tagen sammelten sich weitere Einträge.

Die Erscheinung hatte keinen verlässlichen Rhythmus. Manchmal blieb sie über Stunden aus. Dann kehrte sie mehrfach innerhalb weniger Minuten wieder. Wo es verwertbare Richtungsanzeigen gab, passten sie schlecht zusammen. Will legte die Ergebnisse nebeneinander, prüfte Zeiten und Einstellungen und fand zunächst vor allem Gründe, ihnen zu misstrauen.

Eine Reflexion. Eine Überlagerung. Vielleicht mehrere unabhängige Quellen, die sie irrtümlich zusammenfassten.

Er begann eine eigene Übersicht. Keine Abschrift der dienstlichen Unterlagen; ein kleines Notizbuch mit Zeiten, Fragen und Skizzen, die ihm beim Nachdenken halfen.

Als er die ungefähren Richtungen mit einer Karte verglich, fiel ihm etwas auf. Mehrere der fraglichen Bereiche lagen nahe alter Bauwerke, religiöser Stätten oder historischer Plätze. Die Zuordnung war ungenau, und es gab genügend Orte, die nicht in das Muster passten. Trotzdem kam er immer wieder darauf zurück.

„In einer alten Stadt findest du überall etwas Historisches“, sagte Berger.

Will konnte ihm nicht widersprechen.

Er ließ die Markierungen stehen.


Die Kopfschmerzen erwähnte zunächst niemand im Zusammenhang mit den Signalen.

Will führte seine auf wenig Schlaf und zu viel Kaffee zurück. Ein anderer klagte über Druck hinter den Augen. Es waren Beschwerden, die keinen ungewöhnlichen Grund brauchten.

Schwieriger waren die Träume.

Will erinnerte sich selten an ganze Szenen. Meist blieb beim Aufwachen nur der Eindruck, etwas verstanden zu haben, das ihm Sekunden später wieder entglitt. Dazu kamen Linien: kurze Strecken, scharfe Winkel, offene Figuren. Manchmal sah er sie noch vor sich, während er sich die Stiefel anzog.

Er zeichnete eine davon auf die letzte Seite seines Notizbuchs.

Am Abend blätterte Berger darin, während Will nach einem früheren Eintrag suchte.

„Woher hast du das?“

Sein Finger lag auf der Zeichnung.

„Aus einem Traum, glaube ich.“

Berger schwieg kurz. Dann nahm er den Stift, drehte das Buch zu sich und zeichnete daneben eine zweite Figur. Sie war nicht identisch. Zwei der Winkel stimmten überein, und eine Linie endete an derselben auffälligen Stelle.

„So ungefähr“, sagte er.

Will fragte, was er meinte.

„Vergiss es. Ich schlafe auch schlecht.“

Sie sprachen an diesem Abend nicht weiter darüber. Will schrieb unter beide Zeichnungen das Datum.


Wills persönliche Notizen: Signalbeobachtungen und zwei auffällig ähnliche Skizzen.

Für die Signalauffälligkeiten fanden sich schließlich Erklärungen, die in einen Bericht passten: zivile Sender, ungünstige Ausbreitungsbedingungen, Überlagerungen und Reflexionen im bergigen Gelände. Ohne eine belastbare Zuordnung gab es wenig, woran eine weitere Untersuchung hätte ansetzen können.

Will akzeptierte das. Er hatte selbst lange genug nach technischen Ursachen gesucht.

Die Zeichnungen meldete er nicht. Er wusste nicht, wie er einen Traum beschreiben sollte, ohne aus einer ungeklärten Messung eine persönliche Geschichte zu machen. Außerdem war er sich inzwischen nicht mehr sicher, ob die Ähnlichkeit der beiden Figuren wirklich so groß war, wie sie ihm zuerst erschienen war.

Nach seiner Rückkehr blieb das Notizbuch bei ihm. Es wanderte zwischen anderen persönlichen Unterlagen in einen Karton. Gelegentlich fand er es beim Aufräumen, blätterte darin und legte es wieder weg.

Die meisten Einträge sagten ihm nach einigen Jahren kaum noch etwas. Abkürzungen ohne Zusammenhang. Fragen, auf die er offenbar nie zurückgekommen war.

Nur die letzte Seite erinnerte er sofort.


2026 sah Will auf seinem Scanner eine Folge geometrischer Zeichen.

Er versuchte, sie sich zu merken. Kurze Linien verbanden Punkte, wechselten die Richtung und bildeten eine Figur. Das nächste Zeichen erschien, doch Will dachte noch an das vorherige.

Am selben Abend suchte er den Karton.

Das Notizbuch lag unter alten Papieren. Er schlug die letzte Seite auf, legte den Scanner daneben und betrachtete die beiden Zeichnungen. Eine war unsauber, die andere an einer Stelle nachgezogen. Die Ähnlichkeit war dennoch deutlich genug, dass er sie nicht wieder beiseiteschieben konnte.

In Kosovo hatte er weder von XM gewusst noch von Portalen. Das Wort Glyphen wäre ihm damals nicht eingefallen. Nun hatte er Begriffe, mit denen er die alten Beobachtungen neu lesen konnte.

Eine Erklärung für jede Messung ergab sich daraus nicht. Auch der Scanner konnte ihm nicht sagen, was in jener Nacht tatsächlich geschehen war.

Will fotografierte die Seite. Dann blätterte er zurück zu den ersten Einträgen und begann, seine damaligen Fragen zu übertragen.

Neben einer Uhrzeit stand ein Satz, den er vollständig vergessen hatte:

Beim nächsten Auftreten genauer hinsehen.

Er ließ ihn unverändert.

Dann betrachtete er noch einmal die zweite Zeichnung. Bergers Zeichnung.

Nach dem Einsatz hatten sie eine Weile Kontakt gehalten. Irgendwann waren die Abstände zwischen den Nachrichten größer geworden, bis keine mehr kamen. Will hatte seit Jahren nicht an ihn gedacht.

Er öffnete einen neuen Vermerk und schrieb seinen Namen hinein:

Nils Berger.

Will wusste jetzt, woher ihm die Zeichen bekannt vorkamen.

Ob Berger es inzwischen ebenfalls wusste?


Diese Geschichte gehört zum fiktionalen Will-Parker-Universum. Reale Orte und der historische KFOR-Hintergrund dienen als Kulisse; Will Parker, Nils Berger, die Signalereignisse und ihre Verbindung zu XM sind erfunden.